Seepferde und Natur

Tauchen ist eine faszinierende Natursportart. Damit wir die Natur nicht schädigen, steht am Anfang immer eine fundierte und sichere tauchsportliche Ausbildung. Diese Ausbildung beinhaltet auch die Vermittlung von Bewusstsein für ein umweltverträgliches Verhalten. Jeder Taucher sollte bei Gefahr einer nachhaltigen Schädigung von Natur oder kulturhistorischen Objekten unaufgefordert und selbstverständlich auf die Ausübung des Tauchens verzichten und seine persönlichen Interessen zurückstellen. Diese Verantwortung des Tauchers beschränkt sich aber nicht nur auf das Gewässer, sondern schließt generell vermeidbare Beeinträchtigungen der Umwelt mit ein, ebenso wie das Einholen von Informationen über das Gewässer vor dem Tauchgang. Über unsere Ausbildungsrichtlinien erreichen wir damit bereits bei unserer Jugend eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir lernen in den ersten Unterrichtsstunden bspw. den Aufbau der Uferzonierung (ist sogar prüfungsrelevant). Neben dieser Theorievermittlung üben wir im Training den richtigen Flossenschlag und das „Schweben“ (Tarieren) im Wasser. Nur ein ruhiger Flossenschlag in einem austarierten Zustand ermöglicht uns den sicheren Abstand zum Boden oder zum Riff zu halten.

Für alle Nichttaucher unter den Lesenden: Das folgende Beispiel zeigt den Zusammenhang zwischen Flossenschlag und Abstand im Süßwasser: Durch Flossenschlag und Grundberührung können in einem See Sedimente aufgewirbelt werden, die zuerst die Sicht trüben. Nach und nach sinken diese wieder ab und legen sich als Lichtfilter auf die Blätter der Wasserpflanzen. Sterben diese dadurch ab, verschwinden Laichplätze und Schutzzonen für junge Fische. Das ökologische Gleichgewicht könnte nachhaltig gestört werden. Das gilt es zu vermeiden!

Neben dieser allgemeinen Ausbildung bieten wir auch spezielle Fortbildungen für unsere Mitglieder an. Einige davon stellen wir euch im folgenden Text vor:

Im Rahmen des Spezialkurses Süßwasserbiologie werden die Vereinsmitglieder unter fachlicher Anleitung in die grundlegenden Aspekte der Süßwasserbiologie, sprich Limnologie, eingeführt und lernen die wichtigsten Aspekte der heimischen Süßgewässer und deren Ökologie kennen. Die wichtigsten Gruppen aquatischer Tiere und Pflanzen werden vorgestellt, die Grundlagen der Bestimmung vermittelt. Durch diese Kenntnisse soll ein größeres Verständnis der ökologischen Zusammenhänge im Süßwasser entstehen und die Absolventinnen und Absolventen in die Lage versetzen, erlebnisreicher zu tauchen, ihren eigenen Einfluss auf den „Lebensraum Süßwasser“ zu minimieren und mögliche positive und negative Veränderungen im Lebensraum zu erkennen. Dabei werden während des Seminars Wasserproben in verschiedenen Tiefen gesammelt und mikroskopiert. Rädertierchen, Kugelalgen, Flohkrebse, Kugelalgen-fressende Rädertierchen und vieles mehr schwamm bei der letzten Veranstaltung am Möhnesee in Wassertropfen auf den Objektträgern. Das führte zu folgendem Ausruf bei einem Vereinsmitglied: „Iiiihhh, in so einer Brühe gehe ich tauchen” – aber Tauchen ging es trotzdem!

Das Besondere an diesem Seminar ist, dass die Teilnahmevoraussetzungen nur ein Mindestalter von 14 Jahren beinhalten und wir somit auch unsere Jugend einbeziehen können.

Das folgende Bild zeigt Seepferde in der Möhne auf der Suche nach dem Wels in der Tanne:

 

Nicht nur unser Ökosystem in den heimischen Gewässern betrachten wir, sondern auch das im Meer. Im Rahmen der Meeresbiologie des Spezialkurses zeigen wir unseren Mitgliedern grundlegende Aspekte der Meeresbiologie und lernen die wichtigsten  Gruppen mariner Tiere und Pflanzen kennen. Durch diese Kenntnisse soll ein größeres Verständnis der ökologischen Zusammenhänge im Meer entstehen und uns in die Lage versetzen, erlebnisreicher zu tauchen und unseren Einfluss auf den „Lebensraum Meer“ zu minimieren. Bislang nutzten die Seepferde dazu das Grevelinger Meer. In den unheimlich grünen Tiefen wurden die Taucher während des letzten Seminars von myriaden Rippenquallen begrüßt, mit mächtigen Scheren winkten die Hummer aus ihren Felsenverstecken und unter dem in Mikroskopen erhaltenen Eindruck der gesammelten Planktonproben verstanden alle die Wirkung von hohem Nährstoffeintrag und hohen Wassertemperaturen in der Nordsee. Und die Nachttaucher konnten sich im Rahmen des Seminars besonders freuen: denn im Plankton schwebten genügend Noctiluca-Dinoflagellaten, die mit Meeresleuchten die Taucher Samstagnacht begrüßten… erleuchtende Momente für alle! Mit diesen Eindrücken und Erfahrungen kann das Wissen gut und nachhaltig vermittelt werden.

 

Andere Themen, wie bspw. die Neobiotika und deren Auswirkungen wir bei unseren Tauchgängen hautnah erleben können, beschäftigen uns auch.

Ein Beispiel dafür bietet das bundesweite Edelkrebsprojekt, in dessen Rahmen die Seepferde schon mehrfach Kartierer ausbilden konnten. Hintergrund ist:

Um die zurückgehenden Bestände der heimischen Flusskrebse auszugleichen, wurde schon vor über 100 Jahren damit begonnen, aus Amerika stammende Flusskrebse in Europa auszusetzen. Dies erwies sich im Nachhinein als ein verheerender Fehler, da die amerikanischen Flusskrebse Träger des Krebspest-Erregers sind. Von Natur aus resistent oder zumindest teilresistent gegen diesen Parasiten, können amerikanische Krebse lebenslange Ausscheider des Erregers sein und damit die Krebspest übertragen ohne selbst zu erkranken. Dies stellt eine enorme Bedrohung unserer europäischen Edelkrebsbestände dar. Während der Schulung wird vermittelt, wie wichtig bspw. die Augenleistenpaare und Bedornung zur Bestimmung von Krebsen ist. Neben der Theorie gibt es auch einen praktischen Teil, in dem das vermittelte Wissen an Präparaten und lebenden Krebsen zur Bestimmung einsetzen ist. Bislang konnten bereits 19 Seepferde als Kartierer für das Edelkrebsprojekt gewonnen werden.

 

Auch dem Thema Citizen Science widmen sich die Seepferde. So wurden im Rahmen eines bundesweiten Projektes des Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin bei diversen tauchsportlichen Aktivitäten am Möhnesee, Sorpesee und Hennesee Wasser- und Sedimentproben genommen. Diese Proben sollen flächendeckende Erkenntnisse bringen, ob unsere Gewässer klimarelevantes Kohlenstoffdioxid speichern oder ausatmen und welche Mikroorganismen daran beteiligt sind. Das Projekt aus dem Jahr 2015 trug den Titel Tatort Gewässer. Über die Proben und Messungen wird die Konzentration von klimarelevantem CO2 im Wasser und die Art der Mikroorganismen bestimmt. Darüber hinaus sollen Fragen wie „Was passiert, wenn nachts dauerhaft künstliches Licht auf ein Gewässer fällt und wie wirkt sich das auf CO2, Bakterien und Algen im Gewässer aus?“ beantwortet werden. Diese Aktion hat insbesondere alle Hobbyforscher bei den Seepferden angesprochen.

 

 

 

Neben dieser lebenden Unterwasserwelt gibt es auch eine historische Unterwasserwelt. Die Titanic wurde bereits entdeckt, aber Wracks und Denkmäler unter Wasser sind faszinierende Tauchziele, aussagefähige Geschichtsquellen und gehören zu unserem Unterwasserkulturerbe. Oftmals sind es Sporttaucher die Denkmäler finden oder mit ihnen in Berührung kommen. Häufig wissen sie gar nicht, dass es sich um archäologische Schätze handelt. Erstmals in der 26jährigen Vereinsgeschichte des Tauchsportvereins haben wir uns deshalb (zum Glück vor Corona) mit dem Thema Unterwasserarchäologie und Denkmalgerechtes Tauchen beschäftigt.  Es begann mit einem theoretischen Teil im LWL-Museum für Archäologie in Herne. Quellenkunde, Recht und Ethos wurde durch praktische Umsetzungen in der Museumswerkstatt unterhaltsamer. Dort konnten wir dann auch u.a. das theoretische Wissen zur Dendrochronologie (Bestimmung des Alters durch Baumringe) hautnah erforscht und erlebbar werden. Männer an Mikroskopen, eine ganz neue Perspektive für unsere Seepferde. Richtig interessant wurde es dann bei den Praxistauchgängen in der Xantener Südsee. Ein dort versenktes Stahlschiff in 10 m Tiefe sollte zuerst gefunden und danach vermessen werden. Auch unter erschwerten Bedingungen durch schlechte Sichtweiten. 

Beim zweiten Tauchgang an dem künstlichen Wrack wurde mit Hilfe eines Zeichenbretts die genaue Lage, die Ausrichtung als auch Abstände gemessen. Da keine Maßbänder zur Verfügung standen, wurde bspw. mit Hilfe der Körperlänge des Tauchers gemessen. Für die Seepferde-Taucher eine sehr ungewohnte Tätigkeit, die zu erstaunlichen Skizzen führte. Ungeahnte neue Fertigkeiten wurden bei einzelnen Tauchern entdeckt. Interessant war dann im Nachgang, dass die Hälfte aller bundesweiten Abnahmen dieser Fortbildung durch die Seepferde Unna erreicht wurden.

 

Schulung und Seminare auf der einen Seite und ergänzende Veranstaltungen auf der anderen. Themenbezogene Veranstaltungen für unsere Jugend waren bspw. Führungen durch das Ozeaneum in Stralsund (im Rahmen einer Jugendfreizeit) und Führungen im Aquazoo Düsseldorf. Die Veranstaltungen waren so interessant, dass viele erwachsene Mitglieder ebenfalls daran teilgenommen haben. Und wer kann schon sagen, dass er eine erwachsene Vogelspinne in der Hand hielt. Der Besuch eines Seepferdes im Aquazoo, für das die Seepferde Unna eine Patenschaft übernommen haben, gehörte aber auch zu den Programmpunkten.

 

Wir bemühen uns auch, neben den Veranstaltungen Vorträge für unsere Mitglieder und Interessierte anzubieten.

Im internationalen Jahr des Riffs (2018) haben wir dazu den Buchautor und Leiter der Abteilung Umwelt und Wissenschaft im Tauchsportverband NRW, Dr. Peter van Treeck, in das ZIB eingeladen. In den zwei Stunden hat uns der Dozent in die Welt der Korallen mitgenommen. Der Vortrag mit dem Thema “Paradiese in der Krise” war sehr kurzweilig und hoch informativ. Die Klimaerwärmung, die Verschmutzung der Weltmeere – all dies bedroht die Korallenriffe. Korallen wachsen nur sehr langsam und können sich nicht schnell genug auf die veränderten Lebensbedingungen anpassen. Dr. Peter van Treeck hat aufgezeigt, welches vielseitige Leben in den Korallenriffen steckt und wie wichtig diese für das Ökosystem sind. Nicht nur für die Fische, sondern letztendlich auch für die Menschen. Wir brauchen mehr von den Vorträgen, um die Welt ein wenig sensibler zu machen!

 

Ein weiterer Vortrag war der von sharkproject. In der vollbesetzten Schankhalle konnten wir so einiges über Haie, deren Verhalten und Lebensraum erfahren. Und wer wusste schon, dass Grönlandhaie erst mit 150 Jahren geschlechtsreif und bis zu 750 Jahre alt werden können? Aber auch weitere Informationen über einem den Taucher eher bekannten Hai, den Longimanus (Weißspitzenhochseehai) wurden gegeben. Ein kleiner Rüpel soll er sein… Interessant wurde es, als wir anhand von Videosequenzen das Verhalten der Haie und das Fehlverhalten der Menschen nachvollziehen konnten. Aber auch die Bedrohung der Haie durch den Menschen (und nicht umgekehrt) wurde in eindrucksvollen und teilweise erschütternden Bildern vermittelt. Rücksichtsloses Finning und die großen Mengen im Beifang reduzieren die Haibestände in einem erheblichen Umfang. Viele Haiarten sind inzwischen vom Aussterben bedroht. Und auch nur langsam erkennen wir, welche Zusammenhänge der Hai im Ökosystem spielt.

Dieser Vortrag hat uns im Nachhinein so nachdenklich gemacht, dass wir mit sharkprojekt inzwischen auch im Rahmen der Kinderferienaktionen das Thema Haischutz regelmäßig aufgenommen haben. In den letzten beiden Jahren haben wir dazu im Freibad Bornekamp mit Sharkprojekt eine gemeinsame Veranstaltung anbieten können, in der wir uns kindgerecht mit der Thematik beschäftigt haben. Alle Kinder wurden auf spielerische Art und Weise an das Thema Artenschutz der Haie herangeführt. Es gab Bastelarbeiten, Puzzels und einen kindgerechten Vortrag zum Thema Hai. Ein “Hailight” war natürlich die zwei Meter große Haiattrappe im Becken, mit der die Kinder schwimmen, schnorcheln und auch tauchen konnten.

 

Wie ihr seht, ist Tauchen so viel mehr als „nur“ den Kopf unter Wasser zu stecken. Ein sehr schönes Hobby, dass maßgeblich durch die Umwelt beeinflusst wird. Unser Ziel muss es dabei sein, die Diversifikation der einzelnen Tauchsportangebote mit denen des Umwelt- und Naturschutzes zu kombinieren. Wir zeigen allen Mitgliedern, unabhängig vom Alter und vom Ausbildungsstand, dass das geht und jeder sich engagieren kann. Durch die Kombination zwischen Fortbildungsangeboten, Seminaren und Vortragsreihen erreichen wir eine entsprechende Nachhaltigkeit und schaffen so ein Bewusstsein für den Schutz unserer Natur. Und nur eine intakte Unterwasserwelt macht den Tauchgang zum Erlebnis.